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Fortsetzung II

     Für die Griechen war Artemis die Iocheaira, die Lenkerin des kosmischen Sonnenlichtes zum Menschen. In christlicher Terminologie nannte man die Macht, die das kosmische I-Licht, die Intelligenz, verwaltete, immer Michael. Von Rudolf Steiner wissen wir, wie gerade unsere Zeit mit dem Erzengel Michael verbunden ist, und was sie ihm schuldet.

     Eine der Aufgaben der Erzengel ist es, "die Grundtendenzen der aufeinanderfolgenden Zeitalter mit Bezug auf die Menschen zu lenken und zu leiten". Die Spanne Zeit, die jedem der Erzengel zur Lenkung der Menschheit zugemessen ist — etwa drei Jahrhunderte — die Spanne Zeit seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gehört Michael. Er löste die Herrschaft des Gabriel ab.

     Gabriel hatte seine Herrschaft angetreten in der Zeit, als die Intelligenz so tief der göttlichen Lenkung entfallen war, dass die Gedanken nun vom physischen Leibe erlebt wurden. Im 15. Jahrhundert ungefähr fing diese Etappe an. Keine Verbindung mit einem Göttlichen erlebte man mehr in seinem Denken, man empfand sich selber als den Produzenten der Gedanken. Damit starb das vom Ich durch astralischen und ätherischen Leib allmählich hinabgestiegene Denken seinen letzten Tod. Der Mensch wurde dazu verurteilt, mit toten Gedanken zu leben, abgeschlossen von der göttlich-geistigen Welt.

     Es hat uns auffallen können, wie da immer, wenn wir von dem Ringen der homerischen Helden sprachen, von der einen der beiden entgegengesetzten Mächte, zwischen denen der Mensch die Waage zu halten hat: Luzifer und Ahriman, die Rede war. Nur Luzifer war immer auf dem Kampfplatz zugegen. "Im vierten nachatlantischen Zeitalter", sprach Dr. Steiner (20. August 1916, Dornach), "sollte die Menschheit aufgeklärt werden über das Verhältnis Luzifers zum Menschen, es war noch nicht an der Zeit, den ahrimanischen Einfluss zu durchschauen." Ahriman war da, aber indem die göttlich-geistigen Welten in den Menschen hereinwirkten, wurde die Wirkung Ahrimans gelähmt. In der gottverlassenen Sphäre, darin der Mensch vom 15. Jahrhundert an mit seinen toten Gedanken versetzt wurde, bekamen nun aber die ahrimanischen Mächte Wirkensmöglichkeiten. Seit dem 15. Jahrhundert kam das denkende Bewusstsein des Menschen unter die Machtwirkung Ahrimans. Damit hängt zusammen, dass ein bewusstes Durchschauen des Verhältnisses Ahrimans zum Menschen Aufgabe des fünften nachatlantischen Zeitalters ist. Denn nur im bewussten Durchschauen kann das menschliche Denken Ahriman entrungen werden.

     Die letzte Herrschaft Gabriels, welche also in der Zeit anfing, als der Mensch mit seinem Denken einsam in die irdische Welt hinuntergestossen war, ist charakteristisch dadurch, dass den Kräften der physischen Vererbung durch die Generationen hindurch eine bedeutsame Rolle zufiel. Ahriman strebt an, die göttliche kosmische Intelligenz so weit zu verirdischen, dass sie "nur eine Angelegenheit der menschlichen Blutsgemeinschaft" sein soll, "eine Angelegenheit der Generationenfolge, eine Angelegenheit der Fortpflanzungskräfte'" (Rudolf Steiner, 28. Juli 1924, Dornach). Der Dramatiker des 19. Jahrhunderts, Ibsen, schliesst aus seiner Vollmenschlichkeit heraus das Gabrielzeitalter, indem er sich von allen Seiten an das Vererbungsproblem heranmacht.

     Ein Michaelzeitalter charakterisiert sich dadurch, dass "die geistigsten Interessen der Menschheit je nach der besonderen Veranlagung, die ein solches Zeitalter hat, tonangebend werden" (Rudolf Steiner, 28. Juli 1924, Dornach).

     Die alten Sonnen-Mysterien waren Michael-Mysterien. Michael ist intensiv zusammenhängend mit den kosmischen Schicksalen der Sonne. Michael ist Bote des Sonnengeistes, ist Christus-Bote,

     Als das Denken in seinem Sturz aus dem Ätherischen heraus, in dem es bei den Griechen noch erlebt wurde, in die Physis hineinsank, erschien der Christus in der Physis, um dort seine Erlösungstat zu vollbringen. Erlösungsmöglichkeit trug er in die Stofflichkeit hinein.

     Den unsrigen Zeiten ist Gewaltiges vorbehalten. In den unsrigen Zeiten muss das Streben Ahrimans, die Intelligenz zur bloßen "Angelegenheit der Fortpflanzungskräfte'" zu machen, durchkreuzt werden, muss der Anfang damit gemacht werden, dass das Denken sich tatsächlich von der Stofflichkeit löst und den Aufstieg wiederum anfängt. Die erste Stufe, zu der es hinstreben wird, wird das Ätherische sein, das Erleben des Denkens im Ätherleibe wird wiederum angestrebt werden müssen. Der Unterschied zur Lage der Griechen ist, daß das Ich sich inzwischen in einem vollkommenen Abgetrenntsein von den geistigen Welten auf sich selbst besonnen hat.

     In den Ätherwelten wird dem Denken, das wiederum ein Schauen geworden sein wird, der ätherische Christus entgegenkommen.

     Der Christusbote Michael weist zu dem der Ätherwelt sich nähernden Christus hinauf. Auf diese stumme Gebärde Michaels, welcher der Mensch in Freiheit folgen kann, wies Dr. Steiner wiederholt hin.

     Es konnte nicht anders werden, als dass der Lenker unserer Zeiten nur schweigend den Weg zeigen durfte.

     Das ständige Symbolum der Menschengestalt ist der Adler, wir lernen es kennen aus Rudolf Steiners Vortragszyklus "Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst' (Haag, März 1913, VI, 4). Αἰετοί, Adler, waren wir einstmals alle, wir schauten die Götter. In Schwanengestalt begab sich die menschliche Seele aus dem Reiche der Adler hinunter ..., "indem sie vor der Verfolgung des Adlers floh ..." Das Schauen der Götter im Ich wurde auf einer tieferen Stufe zur Beseelung des astralischen Leibes durch die Offenbarungen der Götter. Dieses wiederum sank hinab zum Gewahrwerden des Götterwirkens im ätherischen Leibe, bis zuletzt das Denken an seinem Tiefpunkt anlangte, in die Physis hineinersterbend. An dem Tiefpunkt herrschte eine Philosophie des physischen Gehirns, herrschten tote Gedanken.

     Rudolf Steiner vollbrachte den Durchbruch, indem er von innen aus eine Bresche schlug in das Tor, das die Grabkammer des Denkens verschloss. Der Riss wurde hineingestoßen durch das Denken selbst, durch das Denken über das Denken wurde die Wende zustande gebracht. Eine "Philosophie der Freiheit" entstand. Von da an wurde der Aufstieg des Denkens, das jetzt ein denkendes Bewusstsein, ein bewusstes Denken geworden war, möglich. In Freiheit wird sich das Denken von dem physischen Gehirn, an das es seit dem 15. Jahrhundert gebunden ist, und wo es in Wechselwirkung steht mit den Kräften der Stoffwechselorganisation, lösen können. Rudolf Steiner lebte der Menschheit das sinnlichkeitsfreie Denken vor; eine Tatsache, der wir erstens einen unendlichen Schatz an Weltenoffenbarungen verdanken, und die es uns zweitens ermöglicht, den gleichen Weg anzutreten, nachdem es nun einmal in einem physischen Menschenleibe vollbracht ist.

     Was einstmals, in griechischer Zeit, Gewahrwerden des Götterwirkens im ätherischen Leibe war, wird in Zukunftszeiten menschliche Fähigkeit des Schauens von Götterwirkungen, Imagination werden. Was einstmals, in vorgriechischen Zeiten, Beseelung des astralischen Leibes durch Götteroffenbarungen war, wird in weiteren Zukunftszeiten bewusste Beseelung des Astralleibes werden: die Inspiration durch die Götter. Das Schauen der Götter in den Zeiten, als das Ich noch im Schoße der Götter weilte, wird in fernster Zukunft wiedererstehen als menschliche Fähigkeit des Ich zum bewussten Schauen der Götter, als Intuition (d. h. "das Hineinschauen'').

     Da wird der Mensch den Adleraufstieg vollbracht haben. Er wird wieder Adler, ἀετός, Vernehmer, sein. Das Schwefel-Element des Luzifers, der als Schwan herunterstieg, wird sich in Phosphor, in lichttragendes Element umgesetzt haben. Die Möglichkeiten zu diesen Umwandlungen walten auf Erden seit dem Mysterium von Golgatha. Im Mysterium von Golgatha opferte der Christus sein Wesen, das Ich des Menschen-Sohnes in seinem Blute, der Erde. Seitdem ist dem Menschen sein Ich eingegliedert, das bisher im Schoße der Götter weilte. Seitdem war die Bedingung der Umwandlung des menschlichen Abstieges in den menschlichen Aufstieg, vom Ich aus, da. Rudolf Steiner übersetzte die Täuferworte: (μετανοεῖτε) (metanoeite), in einem zugleich Tiefergreifen des griechischen Sprachgeistes, mit "Ändert den Sinn".

     Das Mysterium, das auf Golgatha vorging, war das Zentral-Mysterium der ganzen Erdenevolution. Wie jedes Mysterium war es der vorausgeworfene Schatten desjenigen, was erst in Zukunftszeiten verwirklicht werden konnte. In den Zeiten, die die unsrigen sind — den Zeiten, in denen das Denken an seinen Tiefpunkt angelangt ist und auf der Schwelle der Dekadenz, des Abfalles, weilt — ist das μετανοεῖτε, ist die Verwirklichung des Golgatha-Mysteriums in der Menschheit Notwendigkeit geworden.

     Rudolf Steiner hat sie uns vorgelebt.

     Nur in Freiheit, durch den Willen, kann die Umstellung an dem Tiefpunkt vollbracht werden. Was als Denken gestürzt ist, braucht den Willen zur Auferstehung.

     Zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit verwaltet ein Erzengel seine Epoche ohne Einwirkung auf die Menschen auf Erden. Weil der Mensch ein freies Wesen geworden ist, ist nichts anderes mehr möglich, als dass der waltende Erzengel bloß wegweisend auftritt.

     Vom göttlichen Urwort, vom Logos, begab sich die schuldlose menschliche Seele, der Schwan, hinunter. Bote aus der geistigen Welt, war er dazu bestimmt, bis zum Unterirdischen hinabzusteigen und seine Flügel von Schmutz beschwärzen zu lassen. Entsetzen ergreift denjenigen, der je den Schrei des Schwans hörte. Es reißt einen durch das Gebein: das im Unterirdischen gebannte Urwort. Erst wenn der Schwan stirbt, erzählt die Mär, entäußert er sich eines Gesanges, seines einzigen. Wie wenn beim Brechen der Physis das Urwort erlöst würde...

     Gesungen auch haben die Schwäne bei der Geburt des Apollo.

     Wohin aber die Entwicklung strebt, ist die Umwandlung des gebrochenen, beschmutzten Schwanenflügels da unten in der Erde zum auffahrtsfähigen glänzenden Adlerflügel. Den Weg zum Aufstieg weist schweigend Michael.

     Das gestürzte Denken geriet im Menschen in den Knoten der Fortpflanzungskräfte. Die Iynx wurde zum doppelschneidigen Schwert. Das Denken musste aus dem Himmel heraus in die tiefste Schichte der Leiblichkeit stürzen, damit der Mensch zum Ich-Wesen sich freiringen könnte.

     Aus dem Knoten der Fortpflanzungskräfte her muss der Aufstieg anfangen. Wir wissen von Rudolf Steiner, dass die Fortpflanzungskräfte sich in Zukunft wandeln werden. "Das Blut des Menschen wird umgestaltet werden so, dass er aus reinen selbstlosen Gefühlen heraus in Zukunft schaffen kann. Ein Menschengeschlecht wird es geben, das durch das Wort schöpferisch sein wird. Das Organ der Sexualität wird sich umsetzen in das Herz." (Berlin, 1. April 1907.)

     Die Kralle, die der I-Lichtstrahl in den Menschen schlug und die in die Stoffwechselorganisation hinunterdrang, die "Ιυγξ, muß sich lösen und den Anhaltspunkt höher verlegen, zur Herz-Lungen-Gegend hin, zur Φάρυγξ (Pharynzx) hin.

     Der Wortschatz der Griechen erschüttert uns zur tiefsten Ehrfurcht vor der geistigen Wesenheit "Sprache". Schaffend-waltend hat sie zur Klangeserscheinung gebracht, was für Rudolf Steiner notwendig wurde, mit neuen menschlichen Fähigkeiten wiederum zu erforschen und, der Zeit angemessen, in Begriffen für die Menschheit hinzustellen.

     In den: Benennungen "Ιυγξ und Φάρυγξ hat uns der griechische Sprachgenius die gewaltigsten kosmischen und menschlichen Geheimnisse hineingefangen und aufbewahrt.

     Das Volk der Helena, in der der Widerhaken des Intellekts, die Überredung, Überredung zur Liebe wurde — das Hellenenvolk — übergab der Nachwelt das Φάρυγξ als Benennung für die Kehle (genauer: Rachen als Vorhof zum Kehlkopf. Das heißt also, nach dem, was wir vorher etymologisch über das "Ιυγξ bloßzulegen versuchten: in der Kehle hat die Welt, in der Licht, Farbe und Wort (φα-) fließend (ῥ-) sind, ihre Angel (ὄνυξ) geschlagen. Das heißt wiederum: das Wort ist gestorben, aber aus der Kehle heraus, wo es sich angeklammert hat, und von wo aus es in schwachem Nachklang ertönt, kann es wieder auferweckt werden.

     Ehrerbietig denken wir an die Stätte Dornach, wo im Zentrum des allseitigen Schaffens die Liebe zum Worte steht, wo alles dahin tendiert, dass das Wort wiederum erlöst wird, zum Fließen gebracht wird, zu seinem göttlichen Ursprung zurück.

     Rudolf Steiner hat die Wege dazu gewiesen. So wie er auf jedem Gebiete die Wege aufgezeigt hat, um auf neue Art zu den Göttern zurückzukehren.

     Was tönt uns aber nach dem, was vorher gesagt wurde, aus dem Φάρυγξ noch weiter entgegen? Dass die fließende, die geistige Menschenschöpfung in der Kehle verankert ist, von wo aus das Wort ertönt. Das heißt: dass an das tönende Wort in Zukunftszeiten überzugehen hat das Vermögen, den Menschen auf geistigere Art hervorzubringen. Rudolf Steiner: "Ein Menschengeschlecht wird es geben, das durch das Wort schöpferisch sein wird."

     In dem Φάρυγξ findet der am meisten angefochtene, weil am meisten von der Vermaterialisierung entfernt liegende Punkt der Geisteswissenschaft seine Beantwortung. In dem Φάρυγξ ist der Kernpunkt der Geisteswissenschaft enthalten.

     Durch Luzifer wurde einstmals die Lichtgeburt des Menschen zum physischen Erdenvorgang. Da drängte dann der geistige Mensch sich immer weiter hinein in seine Leiblichkeit. Zu Helenas Zeiten machte das Untertauchen einen gewaltigen Fortschritt; fast tausend Jahre später, als sich in Kleopatra die Weibesrolle repräsentierte, hatte ein neuer Ruck in die Leiblichkeit hinein fast eine totale Identifizierung von Geist und lichterstorbener Materie zur Folge. Da nahte aber aus geistigen Welten der Christus sich der Erde. Indem der Christus sich im Mysterium von Golgatha mit der Erdenmaterie verband, entstand für den Menschen die Möglichkeit, den lichten Geist wieder aus dem Stoff zu lösen und empor zu heben. Der schneeweiße Schwan, der sich hinuntersenkte, weil er nur unten im Schlamm sich selber finden konnte, der Schwan, der πολιός werden mußte, um richtig strahlend, richtig λευκός zu werden, brauchte in der Tiefe die Hilfe des Christus, um mit seinen besudelten Flügeln, die aus dem Schlamm hatten Kraft schöpfen sollen, den Wiederaufstieg in strahlender Gestalt vollbringen zu können. Der "Jüngling", der dem Christus folgte, wurde von den Frauen im leeren Grab des Christus wiedergefunden, gehüllt in eine λευκή στολή *.


* Marc. 16, 5. Es bleibe übrigens unsern Philologen überlassen, zu ergründen, warum der "Jüngling'", als er dem Jesus folgte, den σινδόνα (feines Leinentuch) der nackten Haut trägt, welchen er dann fahren läßt, während ihn nachher im Grab Jesu eine λευκή στολή (weisses Gewand) umgibt. Während die alten Isis-Priester gehüllt waren in einen φάρος aus λίνον (ein großes Tuch, einen Mantel oder ein Leichentuch (nicht zu verwechseln mit dem gleichlautenden Eigennamen für die Insel Pharos/Leuchtturm, der maskulin ist) (, von welchem λίνον u. a. Plinius sagt, dass es ein Gewächs sei, das einen in wenigen Tagen von Italien nach Ägypten trägt (Plinius hat wahrscheinlich wohl Ahnungen gehabt, dass mit Ägypten das noch die geistige Welt schauende ägyptische Zeitalter gemeint ist). Als Rudolf Steiner über die Stelle, wo von dem Jüngling in dem σινδών gesprochen wird, sagt, dass "viel darin ruht'", können wir uns überzeugt halten, dass jedes Wort dieser Verse uns etwas zu offenbaren hat. Wir für uns möchten nur im Hinblick auf die λευκήστολή, auf zwei Gedichte aus Rudolf Steiners Wahrspruchworten hinweisen: "Weltentsprossenes Wesen, du in Lichtgestalt. (pag. 27) und "Michaeli'" (pag. 31).

Die Philologen seien außerdem hingewiesen auf zwei auf alten Denkmälern entdeckte Inschriften Ὅν ἀγαπᾷ ἡ Φαρία Ἶσις (den die pharische Isis liebt), und Εἴσιδι Φαρίᾳ "Blicke zu dem pharischen Lande" (der geistigen Welt), oder vielleicht "zu der pharischen Isis".


     Von Christus an biegt die Linie wieder aufwärts. Von Christus an haben wir die Möglichkeit der Umwandlung. "Die Umwandlung vollzieht sich so, dass die schaffende Kraft heraufdrängt vom Schoß nach dem Herzen", sprach Rudolf Steiner (26. März 1907). Und er wies hin auf die Stelle im Evangelium, wo der Jünger, den Jesus "am liebsten hatte", an der Brust Jesu liegt, wodurch ausgedrückt ist, "wie die niederste Produktionskraft, die schaffende Kraft des Menschen, heraufrückt von dem Schoß nach dem mit Lunge und Kehlkopf zusammenhängenden Herzen". In griechischer Sprache ausgedrückt: von der Iynx zu der Pharynx. Die geistige Welt, in der das Wort fließend ist, die Welt des Λόγος (Logos), aus der wir herausgestorben sind, die aber ihre Angel hat in der Gegend von Lunge, Kehlkopf und Herzen, in dem Φάρυγξ — in sie kehren wir nach jedem Erdenleben durch die Todespforte zurück. Und von neuem sendet sie uns nach unserem Durchgang durch "das andere Leben" in die Wort-erstorbene Welt hinein. Ein Verbindungsfaden geht aber von ihr zu den auf die Erde geschickten verkörperten Menschen. Aus der höchsten geistigen Welt, aus der Welt des fliessenden Wortes, webt sich ein Faden, gesponnen von des Wortes Schöpferkraft, hinunter in den untersten Erdenmenschen: Dorthin, wo der Mensch am meisten seiner bedarf, dorthin, wo die Intellektskralle hineingeglitten. Weit entfernt liegt dieser Punkt von dem Punkte, der ihm richtungweisend vorbestimmt ist: von dem Φάρυγξ. Die Verschmelzung der beiden Punkte durch den Aufstieg der Iynx zur Pharynx wurde vorgebildet in der Auferstehung Christi.

     Schweigend weist der Christusbote Michael zur Pharynx hinauf. Was als Denken stürzte, sagten wir, braucht den Willen, um den Aufstieg wiederum zu vollbringen, den Willen, dessen Sitz die Stoffwechselorganisation. ist. In der Stoffwechselorganisation hat das "Stirb und Werde'" vorzugehen. Von der Stoffwechselorganisation geht die Auferstehung aus. Michael harret wegweisend, bis die Adlerflügel zu ihrer Kraft gewachsen sind. Jesaias spricht (Kapitel 40, Vers 31): "Aber die auf den Herren harren, werden die Kraft umtauschen, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden." Dem Verstehenden singt der Psalmist davon, wie "Jungsein'" heisst das Loslösen der Iynx, damit die geistige Welt, die Pharos, in der Pharynx frei ihre Wirksamkeit entfalten kann. Psalm 103, 5: "Der Herr... der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler." Und Hiob: "Sein Fleisch wird wieder grünen wie in der Jugend, und er wird wieder jung werden" (33, 25).

     Grünen, λευκός= werden, die Kondensation des Lichtes zu Materie wiederum rückgängig machen, damit der Leib wieder Lichtleib wird —, dahin geht der Weg des Menschen. Jung wird er, insoweit sein Denken sinnlichkeitsfrei wird, insoweit sein Schaffen frei wird von den Fortpflanzungskräften. Rudolf Steiner: "Lebendiger wird der Mensch werden, wenn sein Höheres, das Wort, schöpferisch wird, und wenn sein Herz sein geistig-schöpferisches Organ wird" (1. April 1907, Berlin).

     Durch zwölf Stationen geht der Aufstieg von der Iynx zur Pharynx. Die zwölf Stationen der Apostel. Rudolf Steiner zitierte, in der genannten erschütternden Ansprache vom 1. April 1907 zu Berlin, die Worte, die der Christus Jesus seinen Aposteln zu sagen hatte: "Ihr, die Ihr um mich sitzt, stellt dar die verschiedenen Glieder meiner Leiber, verschiedene Grade der Vollkommenheit. Und wenn ich in die Zukunft blicke, so sind dies die zwölf Stationen, die überwunden werden müssen, um dann zum Vater zu führen."

     Und weiter sprach Rudolf Steiner: "Das Zeitalter, welches folgt, ist durch Judas Ischarioth repräsentiert. Mit dem größten Egoismus ist da die niederste Sinnlichkeit verknüpft. Judas Ischarioth ist es, der das Christentum verrät. Es wird eine Zeit kommen, wo das, was auf Golgatha geschah, auf der ganzen Erde geschehen wird. Es wird aussehen, als ob der Egoismus Christus und Budhi den Tod bringen wollte. Das wird die Zeit des Antichrist sein. Das ist das Gesetz: dass alles, was um das Kreuz herum geschah, auch auf dem physischen Plane, wird geschehen müssen. . .'"

     Der Aufstieg des gestürzten Menschengeschlechts führt von der herrschenden Judas-Stufe zu der Johannis-Stufe. Zitieren wir, was aus der gleichen Rede Rudolf Steiners, vielleicht etwas lückenhaft, überliefert ist: "Das Zeitalter, in dem der Egoismus herrscht, ist repräsentiert durch den Judas Ischarioth. Wer unbefangen die Weltgeschehnisse betrachtet, der sieht, wie die Sexualität des Menschen im Stande ist, alles Geistige zu verraten und zu töten." Und dann kommt die schon erwähnte Stelle: "Lebendiger wird der Mensch werden, wenn sein Höheres, das Wort, schöpferisch wird, und wenn sein Herz sein geistig-schöpferisches Organ wird.'" Und weiter: "Ein Bild ist dies, anzuwenden auf eine Stelle im Evangelium, woraus Sie sehen können, was da folgen wird, wenn das Christentum alle Menschen selbstlos und brüderlich gemacht haben wird. Das, was den Menschen egoistisch macht, sehen Sie in Judas Ischarioth verkörpert; und das Endziel, das, wohin sich die Menschheit entwickeln wird in ferner Zukunft, die zwölfte Station, das ist die Gestalt des Christus selbst."

     Da, wo Johannes an der Brust Jesu liegt, ist die zwölfte Station erreicht.. An dem einen Ende des Querbalkens des Kreuzes Judas Ischarioth, am andern Ende Johannes. Unten am aufrechten Balken der Schächer, Kastor-Luzifer, an dem anderen Ende Pollux-Ahriman, der Schächer. Im Knotenpunkt des Kreuzes Christus.

     Johannes, der zum Christus emporgestiegen, wurde mit dem Sohn zum Vater geführt. Rudolf Steiner spricht: "Lesen Sie die Stelle von dem Jünger Jesu, den er am liebsten hatte, und von dem gesagt wird, dass er an der Brust Jesu liegt. Das ist die Stelle, die ausdrückt, wie die niederste Produktionskraft des Menschen heraufrückt vom Schoß nach dem Herzen. Diese Stelle drückt aus, dass Johannes durch das Mysterium des Sohnes, durch den Christus Jesus eingeweiht wird. Nachdem der Schüler das durchlebt hat, wird er verwandelt haben seine niederen Produktionskräfte in höhere, und er wird durch den Sohn zum Vater kommen. Und was kann er da sagen? Er kann sagen, was alle Eingeweihten sagen: "Eli, lama azobothami!" — "Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht — d. h. vergeistigt!" Lesen Sie selbst bei Johannes: da sprach Jesus: "Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht!'" Da war es vollendet, das Ostermahl, das sich auf dem physischen Plan vollzogen hat."

     Der Mensch, der durch die zwölf Stationen emporgeschritten, von der Judas-Station bis zur Johannes-Station, ist an die Verherrlichung, an die Vergeistigung angelangt: er vollendet die Materie-Erlösung, die Dekondensation, das Ostermahl, so wie es einst um das Kreuz herum geschah. "Das ist das Gesetz."

     Nur durch das Licht selber kann die Materie wiederum dekondensiert, das Ur-Licht erlöst werden. Das Wort des Geistesforschers, der in sich die Umwandlung des gestürzten Denkens zum auferstandenen Willen vollbrachte, dringt zu den Lichtesreichen vor. Es hat Auferstehungskräfte in sich, es steigt zum Himmel, nimmt die schon vom Licht angerufenen Seelen mit und holt den in dunkler Erde Hinterbliebenen das Licht herunter. Es ist schöpferisch geworden. Im dritten Bilde der "Pforte der Einweihung" läßt Rudolf Steiner Benediktus zu Johannes sagen, der nach einer schweren Prüfung reif befunden ist, auf eine nächste Stufe ins Geistige vorzudringen:


Ich kann dir noch die Richtung weisen:

Entzünde deiner Seele volle Macht

An Worten, die durch meinen Mund

Den Schlüssel geben zu den Höhen.

Sie werden dich geleiten,

Auch wenn dich nichts mehr leitet,

Was Sinnesaugen noch erblicken können.

Mit vollem Herzen wolle sie empfangen:

Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlet

Durch Raumesweiten,

Zu füllen die Welt mit Sein.

Der Liebe Segen, er erwarmet

Die Zeitenfolgen,

Zu rufen aller Welten Offenbarung,

Und Geistesboten, sie vermählen

Des Lichtes webend Wesen

Mit Seelenoffenbarung;

Und wenn vermählen kann mit beiden

Der Mensch sein eigen Selbst,

Ist er in Geisteshöhen lebend.

     Und im siebenten Bilde spricht Benedictus als Geleitwort auf eine nächste Stufe für Johannes und die ihm verbundene Maria wiederum die Kraft des geistigen Lichtes aus:

Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlet

Von Mensch zu Mensch,

Zu füllen alle Welt mit Wahrheit,

Der Liebe Segen, er erwarmet

Die Seele an der Seele,

Zu wirken aller Welten Seligkeit,

Und Geistesboten, sie vermählen

Der Menschen Segenswerke

Mit Weltenzielen;

Und wenn vermählen kann die beiden

Der Mensch, der sich im Menschen findet,

Erstrahlet Geisteslicht durch Seelenwärme.

     Die griechische Zeit ist gekennzeichnet durch dasjenige, was im Mysterium der Iynx vorging. Helena, die Artemis-Ähnliche, repräsentiert die Seele, die durch göttliche Kräfte an des Menschen niedere Natur gebunden wird, damit diese niedere Natur einstmals mit auferstehen kann.

     Das homerische Epos, die Odyssee, singt den Gang in die Erde und in die niedere Natur hinein.

     Rudolf Steiners Mysteriendramen sind Pharynx-Dramen. Sie läuten die Wiederauferstehung ein, die Auferstehung der niedersten menschlichen Natur zum ." Αἰετός zum Adler, zum Götter-Vernehmer.

     Odysseus, der durch die Erde bis in die Unterwelt hineinfuhr, der — unbewusst — ins Untermenschliche drang und dort die Helena-Tragik durchlitt, sagt nach der endlichen Heimkehr zu seinem wiedergefundenen Göttlichen, zur Penelope: "O, mein Weib, noch nicht sind wir an die Grenzen aller Mühsale gekommen. Masslose Arbeit wird es nachher noch geben, viele und schwierige, die ich in allem zu vollenden haben werde. So weissagte es mir die Seele des Teiresias an jenem Tage, da ich hinabstieg ins Innere der Hades-Wohnung bei meinem Suchen der Wege zur Heimfahrt für meine Gefährten und für mich selbst. Aber wohlan, lass uns jetzt uns hinlegen, damit wir endlich unter süssem Schlaf an Ruhe uns sättigen."

     Seine aus Gottessein erstandene Seele ist sterbend untergetaucht, durch Untergründe hat er sie hindurchgetragen: Sie ist zum Vater wiederum auferstanden. Die Zeit wird aber kommen müssen, wo auch der bewusste Geist hinunterdringt und den — schwereren — Kampf zur Auferstehung durchfechten muss.

     Die Grenzen sind noch nicht erreicht, masslose Mühe harret des Menschen noch. Für heute aber will die dem Tode entrungene Seele sich unter den Flügeln des Schlafes sättigen an Ruhe...

     In Rudolf Steiners Mysterien-Dramen ist nirgends Ruhe. Ein fortwährendes Weben und Walten von Auferstehungskräften und -zielen. Denn durch das Mysterium von Golgatha ist die Weissagung der Teiresiasseele Wirklichkeit geworden. Im Mysterium von Golgatha floss das Wesen von Christus in die Untergründe von Erde und Menschen ein. Da wurden Untergründe Wesensgründe, wurden Untergründe durch die Kraft des Christuswesens wesentlich. Da fing die "masslose Arbeit" für den Menschen an. Zu der homerischen Dramatik wird in Rudolf Steiners Dramatik ein Satz hinzugefügt.

Die feine weibliche Gestalt, die wir in ihrem Erdenleben mit Sehergaben gerüstet sahen, Theodora, erscheint uns in dem letzten Drama "Der Seelen Erwachen", nach den Angaben Rudolf Steiners, in der geistigen Welt mit Adlerflügeln. Worte, die sie einst auf Erden gehört, die sie jetzt widerhallen hört in der geistigen Heimat, raunen uns zu:

"Aus Gottessein erstand die Menschenseele;

Sie kann in Wesensgründe sterbend tauchen,

Sie wird dem Tod dereinst den Geist entbinden."


Ende

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