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derde deel

     In der Tiefe, wo das Böse waltet, kann einzig und allein das Problem von Leben und Tod gelöst werden. Wer nicht in die Tiefe heruntersteigt, kann die Unsterblichkeit nicht verstehen, geschweige denn erlangen. Von den Zwillingen Κάστωρ und Πολυδεύκης, die da in der Tiefe aus dem zweiten Leda-Ei hervorgehen, wurde Κάστωρ "der sich zum Gipfel Erhebende" (καίνυμαι) sterblich gedacht; mit Πολυδεύκης dem "Vielmals-Unterlauchenden" (δύ-εσθαι), war die Idee der Unsterblichkeit verbunden. Wie fein wussten noch die Römer den Namen des Letzteren in ihre Sprache hinüberzunehmen: "polluo" besudeln, verschmolzen sie mit "lux", Licht, und nannten ihn Pollux.

     Wie tief die eingeweihten Tragiker in den Gang der Menschheitsentwicklung hineinsahen, und wie reell sie ihn in ihrer Seele trugen, zeigt sich in der Art, wie sie die Bilder — die nicht "figürliche Bilder" für sie waren, sondern mit der Wirklichkeit übereinstimmende Imaginationen — durchführten. Nachdem Helena hei Euripides die Zuhörer hatte vernehmen lassen, "was des Leids sie duldete", fängt der Chor seinen Trauergesang an:

                                       ai! ai! ai!                                                                                                                                                                           o, ein schwerseufzendes Gotteswesen                                                                                                                                     und dein Schicksal, Weib:                                                                                                                                                             welch untergehendes Zeitalter erwarb sie sich,                                                                                                                       als dich aus deiner Mutter zeugte                                                                                                                                               Zeus, aufglänzend im Äther,                                                                                                                                                        mit — schneeweißer Haut, auf Schwanesflügeln.---

Mit schneeweißer Haut, χιονόχρως ! Schneeweiß begibt sich die schuldlose, ichlose Seele in das Dunkel der Erde hinein.

     Und wunderbar: nimmt man Sprache und Bild wieder lebendig, dann findet man in dem griechischen Wortschatz auch das feine Wort, in dem ausgedrückt ist, wie der weiße Schwan wird, nachdem er in die Erde, in den besudelnden Stoff untergetaucht ist: es ist das πολιός, mit dem sich die Lexikographen aussichtslos herumstreiten. Der πολιός κύκνος ist der "gemischte Schwan", die nicht mehr unbefleckte Seele. Wenn man den Schlüssel hat — und wir kommen allüberall immer wieder zu der Erkenntnis, dass wir Rudolf Steiner in allem Schlüssel, Aufschluss verdanken —, sieht man, dass die weit auseinandergehende Verschiedenheit der Wesen, denen in der griechischen Literatur das πολιός als Eigenschaft beigelegt wird, nur scheinbar ist. Man begegnet dem Wort zum Beispiel in Zusammenhang mit dem Meer, mit "alte Frau", mit Schwan, mit Nereus u. a. Gewöhnlich nimmt man dann in der Übersetzung das allgemeine "grau", um sich aus der Verlegenheit zu retten: das graue Meer, der alte, graue Nereus usw.

     Bei dem ehrwürdigen Erzbischof von Thessalonike, Eustathius, im 12. Jahrhundert, dem wir u. a. einen reichen Kommentarschatz über Homer verdanken, den wir nur mit Verständnis zu lesen haben, wenn er anfängt, Homer allegorisch zu deuten und den um Jahr hunderte älteren Aristarch tadelt, weil dieser von einer allegorischen Erklärung der Homerischen Gesänge noch nichts wissen wollte — bei Eustathius können wir über die Verehrung von Greisen einen Satz lesen: "nicht nur weil diese es verdienen um ihres langen Lebens willen, sondern auch um ihres Nachsinnens willen (den weisen Sinn), weswegen auch Tarkon der Tyrrhener und Kuknos der Trojer, ihrer Natur nach πολιός genannt werden." Man sieht: durch das Denken, durch den Gebrauch des Intellekts entsteht die Eigenschaft des πολιός. Auffallend ist auch wiederum, dass ein Kämpfer im trojanischen Krieg, — wenn auch an trojanischer Seite, so doch ein Kämpfer, der beteiligt ist an dem Streit um Troja, an dem Streit, in dem die Umwandlung vom Schauen zum Denken durchgekämpft werden musste. — den Namen Kuknos, d. h. Schwan, trägt.

     Die Unschuld geht durch das Denken, durch das Bewusstsein verloren. Sowie das Meer vielfarbig, bunt, vielfältig genannt werden muss (πολιός als eine einfache adjektivische Ableitung von πόλυς, viel, anzusehen, liegt nahe), so kann man das in der Vielheit untergegangene einheitliche Weiss, die durchlässig gewordene, reine Unschuld einer γραῖα, einer alten Frau, πολιός nennen. Man vergleiche auch Odyssea I, 438, wo Homer spricht von einer γραίη πυκιμήδης (deren Nachsinnen sich ineinanderfügt, das moderne "logisch"). Der Sinn des üblichen "πολιός" bei γραῖα wird durch die letztere Stelle in ein klares Licht gerückt[7].


[7] Aus der Sprache heraus könnte man noch tiefer gehen. Wenn man bedenkt, dass das Wasser der Mittelzustand ist zwischen dem Gasförmigen (dem Äther) und der Erde und wir daneben unter den Namen des Nereïden, der Nereustöchter, Namen finden wie Ἀμφιθόη (beiderseitig gehend) und Ἀμφινόμη (beiderseitig wohnend), dann müsste man schon in dem πολιός bei Meer eine Hindeutung auf eine Mischung empfinden: zugewandt dem Himmlischen und dem Irdischen. Weil weiter ursprünglich γραῖαι Meeresdämonen, Meeresweiber gewesen zu sein scheinen, deren Namen erst später an alte Frauen im Allgemeinen überging, ist es nicht unbegreiflich, daß wir dem πολιός nachher speziell bei γραῖαι, alten Frauen (nicht bei alten Männern) begegnen. Man könnte außerdem fragen — nachdem nun das πολιός seiner Grauheit entblößt ist — ob man mit dem πολιός überhaupt wohl ein hohes Alter, und nicht vielmehr nur einen höheren Grad des Vermögens in die Dinge einzudringen, hat ausdrücken wollen. 


     Unsere Ahnungen in dieser Hinsicht werden bestätigt, wenn wir also auch von dem Νηρεύς (Nereus) πολιός lesen und von Dr. Steiner bezüglich Nereus aufgezeichnet finden: "Nereus ist eine Gewalt, der den Verstand, weil er nicht beschränkt ist auf einen physischen Leib, im höchsten Grade ausgebildet hat bis zur prophetischen Hellsehergabe." Die Verbindung zweier Welten wiederum.

     Und diese Bestätigung unserer Ahnungen gibt uns den Mut, weiterzugehen und den Versuch zu machen, eine Übersetzung, die wir niemals billigen konnten, zugleich zu rektifizieren. Die Ἀθηνᾶ Πολιάς (Athena Polias), die Pallas Athena, war die Göttin der Intellektualität, die das Weiß durchlässig werden ließ. Eine Athena, "die die Städte schützt", mutet uns nur an wie ein vorläufiger Übersetzungsversuch, der wie das Ei des Columbus seiner Lösung wartet.

     Das Eigentümliche ist, dass, wenn man sich einmal "auf dem Wege" fühlt, man immer weiter aus den griechischen Schriftstellern heraus Bestätigungen findet. Für das alltägliche λευκός. B., welches mit leuchtend, weiß, übersetzt wird und welches das gebräuchliche Adjektivum für den "unvermischten" Schwan ist — das χιωνόχρως ist eine Sonntags-Benennung — finden wir in Eustathius' Ilias-Kommentaren einmal angegeben: ὅπερ ἐκ τοῦ λεύσσειν ἤτοι βλέπειν παράγεται, οὗπερ Ἀπόλλων ἐστὶ παραίτιος (was von λεύσσεινoder sehen abgeleitet wird, was Apollo verdankt wird). Man sieht also, wie die weiß leuchtende Farbe, die Unbeflecktheit, mit dem alten Hellseher zustande in Zusammenhang gebracht wurde.

     Und nochmals ist uns derselbe Eustathius eine feste Stütze, als er in seinem Kommentar zu Aristophanes' Batrachoi (Vers 1092) da, wo von einem trägen Menschen die Rede ist, λευκός gleichstellt mit πίων fett, dick. Das heißt also: der Geist hat sich nicht in die Materie hineingewagt, die Stofflichkeit ist undurchgeistigt. Eustathius fügt noch hinzu: τὸ δὲ λευκὸν ἐν σώμασιν οὐκ ἐν ἐπαίνῳ ἦν, ὅτι λευκοὶ οἱ δειλοί (das λευκὸν der Leiber stand nicht in gutem Ruf, weil die λευκοί die Feigen waren).

     Nachdem wir nun also, indem wir den Euripides herausgriffen, einen kleinen Versuch machten, Dr. Steiners Worte "erst die Dramatiker Aischylos, Sophokles, Euripides, in einer späteren Zeit des Griechentums, haben sich herbeigelassen, von der esoterischen Helena-Sage etwas zu verraten", anschaulich zu machen, können wir es als eine unendlich anziehende Aufgabe empfinden, einmal seine Aussage an Homer selbst zu prüfen — und man weiß, wie gern Rudolf Steiner seine Worte geprüft wusste! — nämlich dass Homer in die esoterische Helena-Sage eingeweiht war. Zwar sagt Dr. Steiner, dass Homer von der esoterischen Sage nichts verraten wollte, aber — einer weiß nie umsonst, für ein scharfes Ohr quillt der Schatz aus geheimen Tiefen des Wissens an die Oberfläche.

     Eine Tatsache ist, daß man bei Homer hie und da verstreut Zeilen begegnet wie z. B. Ilias II, 590, wo davon gesprochen wird, wie Menelaos in seinem Innern getrieben wurde τίσασθαι Ἑλένης ὁρμήματά τε στοναχάς τε "zu rächen der Helena Aufregungen und Seufzer".

     Nun gibt es zwar Stimmen, die, um die Situation des Menelaos zu retten, — der, wenn man nur die exoterische Helena-Sage in Betracht zieht, nicht gerade an der richtigen Stelle die Aufregungen seiner entflohenen Gattin zu rächen scheint, — die übersetzen wollen: zu rächen die Aufregungen und Seufzer um Helena. Aber lieber sollte man, anstatt da, wo man nicht versteht, Texte und Über-setzungen künstlich umzuändern, einmal fragen: welche Lücke in unserer Erkenntnis gibt dem vorliegenden Text für uns scheinbar einen Mangel an Logica?

     Rächen will Menelaos die Aufregungen und Seufzer — die Unruhe und das Stöhnen könnte man auch übersetzen — der gegen ihren Willen entführten Helena, der Helena, die, göttlichen Ursprungs, in der Tiefe auferweckt, dazu vorbestimmt war, als erstes Weib "unter Schmerzen das Ich zu gebären". Helena schritt voran dem kommenden Frauengeschlecht, deren Brust — im Verein mit der Brust des ihr verbundenen Mannes — unter Qualen und Seufzern dem Ich zum Kampfplatz zu, dienen hatte.

     Aber um Homer genau zu prüfen auf seine Kenntnis des Esoterischen, worum es sich bei Helena eigentlich handelt, haben wir ihn zu suchen und zu belauschen an dem Zentralpunkt der Überlieferung: lässt Homer den Menelaos je nach Ägypten kommen, und wie erzählt er dann davon? Und wir finden nun wirklich im 4. Buch der Odyssea die merkwürdigsten Aussagen.

     Der Sohn des Odysseus, Telemachos, ist ausgezogen, um an den Höfen der von Troja zurückgekehrten Helden Griechenlands Auskunft über seinen noch immer nicht heimgekehrten Vater zu erlangen. Er kommt auch an den Hof des Menelaos. Wir werden nicht lange verweilen bei der feinen Beschreibung Vers 121 flgg., wo zu den beisammensitzenden Männern Helena tritt. Man könnte, wie bei jeder zehnten Zeile des Homer, auch hier wiederum vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus einen ganzen Aufsatz dazu schreiben. Wir heben nur hervor, wie Homer beiläufig erzählt, dass für Helena hingestellt wurde durch eine Dienerin allerlei Spinngerät, "welches ihr gab Alkandre, die Gemahlin des Polybos, der in dem ägyptischen Thebe wohnte". Polybos selber, wird erzählt, hatte den Menelaos beschenkt. Man prüfe einmal, mit Rücksicht auf dasjenige, was Helena repräsentiert (das im Kampf mit dem Mondhaften sich durchringende Ich), die Geschenke, die sie und Menelaos aus Ägypten mit nach Griechenland gebracht haben! Wie Silber und Gold — Mond und Sonne — fortwährend sich abwechseln, Gold dasjenige, was in Bewegung gesetzt wird (Wagschale, Spindel), Silber die Substanz, mit der man zu schaffen hat (Waschbecken und dergl.). Nicht minder charakteristisch ist, dass gesagt wird, dass Helena der χρυσηλάκατος Artemis ähnlich sei, d. h. der gold-weiter-schickenden, die Sonne vermittelnden Mondgöttin.

Es gibt eigentlich eine Menge von durchsichtigen Feinheiten in diesem 4. Odyssea-Buch für denjenigen, der einen Einblick in die Helena-Gestalt gewonnen hat. Die Männer sitzen beim Mahle. Helena setzt sich mit ihrem Spinnrocken zu ihnen. Das Gespräch der Männer im Gedenken an Odysseus ist voll Traurigkeit, alle weinen. Der Sohn des alten Nestors, der Telemachos zu des Menelaos Hof begleitet hat, bittet, man möge lieber am nächsten Tage weiter darüber reden, er liebe es nicht, zu wehklagen während des Mahles. So wird beschlossen[8]:


[8] Odyssea: IV. 219


                                      "Da aber bedachte Helena, die aus Zeus Entsprossene, Anderes.

                                       Denn sogleich warf sie in den Wein, davon sie tranken, ein Kraut,

                                        Das die Eigenschaft hat, dem Schmerz und Groll zu wehren, alle Übel vergessen zu machen.

                                        Wer es genossen, nachdem es mit dem Weine gemischt,

                                        Dem rinnt im Tagesleben keine Träne über die Wange,

                                        Selbst nicht, wenn ihm Mutter und Vater sterben,

                                        Selbst nicht, wenn vor ihm sein Bruder oder sein geliebter Sohn

                                        Mit dem Schwert niedergemacht würde, er aber würde es mit Augen sehen.

                                        Dergleichen wesentliche, sinnvolle Mittel hatte die Zeus-Tochter,

                                        Welche ihr verschafft hatte Polydamna, die Gemahlin des Thon,

                                        Die Ägypterin ..."

Als die Männer getrunken, fängt Helena von Neuem an, von Odysseus zu erzählen. Und als sie geendet, spricht Menelaos:

                                        "Fürwahr, dies alles hast du, o Weib, wie sich's gebühret, erzählt."

Das, was anfangs, als die Männer es untereinander besprachen, unerträglich schien und abgebrochen wurde, Helena wusste es umzuändern, aus ihrem Munde wurde es angehört und erwarb sich sogar das Lob, zu rechter Zeit und an rechter Stelle vorgebracht zu sein.

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