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deel V

     Beweisen wollen wir, dass aus den angeführten Versen nun wirklich hervorgeht, dass Homer in das Esoterische, um das es sich bei der ganzen Helena-Sage handelt, eingeweiht war. Wie ja überhaupt das bleibende Interesse für Iliade und Odyssee durch Jahrtausende hindurch nur dadurch zu verstehen ist, dass ihr Dichter ist "der Weise, der Märchen erzählt".

     Denn was hat Homer uns in den Obenstehenden Zeilen eigentlich mitgeteilt? Mitgeteilt hat er uns, dass es Menelaos nicht gelang, den Übergang von dem alten ägyptischen Zeitalter zu dem neuen Griechentum zu finden. Dass er daher seine Zuflucht zur geistigen Welt (Pharos) nahm, in deren sicherem Hafen er den Ausgangspunkt nehmen konnte, von wo aus er seine Schiffe in den Ozean (die göttliche Welt) hinausschicken konnte, um dunkles Wasser, d. h. Gedanken aus der Ätherwelt, Götterwillen, zu schöpfen. (Die nicht verstehenden Nachkommen änderten in dem Text einen Vokal um [ἀφυσσάμενοι statt ἀφυσσόμενοι. ], damit sie doch noch einen Sinn bekämen und mit Mühe und Not übersetzen konnten: nachdem er Wasser geschöpft, eingenommen hatte.) Aber die Götter waren ihm nicht günstig, sie halfen seinen Gedanken nicht dorthin, wo sie den ihrigen begegnen konnten. Nur Eidothea, die Proteustochter, in der die himmlische Natur gesiegt und die also noch zu finden war in der geistigen Welt, begegnete seinen Gedanken, die einsam, weit ab von denen seiner Gefährten, herumirrten. Sie verweist ihn an Proteus, den er in der geistigen Welt finden kann.

     Wenn er den Proteus in der geistigen Welt erfasst, so sagt die göttliche Tochter dem Menelaos, wird er über sein eigenes Schicksal wie auch über das Schicksal seiner Freunde Auskunft erhalten können. Denn unter den Wölbungen der Grotten wird er sich nieder legen zum Schlaf, d. h. er wird sich niederlegen, damit sich zu ihm neigen die Götter, ihn mit ihren Gedanken zu durchdringen. In dem gleichen Augenblick aber sollen Menelaos und seine Gefährten ihn fassen und ihn mit ihrem Willen — wozu ihnen Stärke und Gewalt von Nöten ist — daran hindern, in anderer Gestalt ihnen zu entrinnen. Wenn es dem Proteus gelingt, sich weiter zu verwandeln — sich rückzuwandeln, könnte man sagen — von Tiergebilden über das Wasser bis zum Feuer hin, kommt er in Gebiete, in die Menelaos ihm nicht folgen kann, von wo aus Proteus ihm nicht antworten kann. Er muss gehalten werden in der Region, zu der auch Menelaos noch den Zutritt hat. Fängt Proteus dort an, Menelaos zu fragen, klingt das Wort aus ihm heraus, dann bekommt er wieder Beziehung zur Erde und zum Menschen, er richtet sich wieder abwärts, da kann er dem Menelaos nicht mehr nach oben hin entrinnen.

     Und was antwortet der graue Meeresgott, d. h. der Erfahrene in der geistigen Welt, schließlich dem Menelaos auf seine Fragen, warum es ihm nicht gelingt, nach Griechenland zu kommen, also seine neue Aufgabe in dem neuen Zeitalter anzufangen? Menelaos hätte, um eine glückliche Fahrt nach Griechenland zu haben, in Ägypten den Göttern opfern sollen. Das heißt: Die neue griechische Kultur durfte nicht anfangen, ohne anzuknüpfen an die alten Götter, die über Ägypten gewaltet hatten. Der geistige Teil des Menschen drang immer tiefer in seine Leiblichkeit hinein. Der Leiblichkeit musste dadurch in der Menschheitsentwicklung eine andere Rolle zufallen als bisher. Aber nicht zum Untergang ging das Geistig- Seelische in den Leib hinein, sondern zum Kampf. Die alte Gottverbundenheit, die im ägyptischen Zeitalter die Menschen geleitet hatte, musste beibehalten werden, um das Gegengewicht zu bilden gegen den Sturz in die Leiblichkeit hinein, den die im griechischen Zeit alter geborenen Seelen zu erleben hatten. Die Liebe sollte vom Blute gelöst werden, aber am Blute, das durch die Generationen herunterrann, haftete auch die Erinnerung an Abraham, an Gott... Die Erinnerung an die Gotteswelt kam in die Gefahr hinein, jetzt, da sich der Mensch von dem Blut unabhängig machte, verloren zu gehen. Nach Ägypten musste Menelaos zurück, um durch Opfer aufs Neue das Band mit der Gotteswelt zu knüpfen.

     Wir hörten, wie Rudolf Steiner sagte, dass in dem untergehenden Troja das von der Helena verblieb, "was Ägypten entließ; was aber Ägypten aufbewahrte für den vierten nachatlantischen Zeitraum, das holte sich Menelaos wiederum von Ägypten und brachte es nach Griechenland zurück". Die Frau, die das, was das neue Zeitalter durchzukämpfen hatte, repräsentiert, ist diejenige, die Paris, der vorbestimmt war, das Alte "vorübergehen zu machen", zu verführen sucht, deren Weg sie aber über Ägypten hin durch die alte Gottverbundenheit leitet, und die so die Möglichkeit gewinnt, in dem Kampf mit Paris zu siegen und, ohne schuldig geworden zu sein, nach Griechenland zurückzukehren. Da Art und Schicksal der Frau immer Stufe und Lage und Schicksal des zugehörigen Mannes angeben, wundert es uns nicht, dass wir, nachdem wir Helena nach Ägypten verschlagen sahen, nun auch den Mann, Menelaos, von der griechischen Küste vertrieben und auch nach Ägypten geführt sehen. Erst so kann in der Leiblichkeit der Kampf anfangen, der die Lösung des Problems des griechischen Zeitalters, das Problem von Leben und Tod zum Ziel hat: "Dir, o götterentstammter Menelaos, ist nicht vorbestimmt, in Argos das Schicksal des Todes zu erfüllen; die Unsterblichen werden dich senden in die Fluren des ewigen Elysium: Da du die Helena hast und durch sie dem Zeus anvermählt bist!"

     Und Wunderbares bekommt man heraus, wenn man dem Märchenerzähler einmal auf die Spur gekommen ist. Da geben die Götter dem Menelaos also endlich die glückliche Heimfahrt, nachdem er die gebührenden Opfer vollbracht und nachdem er … dem Agamemnon, der in Griechenland ermordet war, in Ägypten ein Grabmal errichtet: damit die Mär von seinem Schicksal nicht vergessen werde. Menelaos holt sich aus Ägypten die Möglichkeit, in Griechenland ein Leben zu leben, das zur Unsterblichkeit führt — seinem Bruder Agamemnon konnten die Fluren Ägyptens nur ein Grab bereiten. Denn der "hatte nicht die Helena", war nicht "dem Zeus im Himmel anvermählt". Der hatte gehabt die Klytämnestra, von der wir lesen (Odyssea III, 264 flgg.), daß Aigisthos sie immer wie der "mit Worten zu bestricken suchte":

"Anfangs wies sie die schmähliche Sache von sich,

Die gottverbundene Klytämnestra: denn sie war recht veranlagt,

Und neben ihr stand ein Sängersmann, dem immer wieder ans Herz legte

Der nach Troja abfahrende Atride, sein Weib zu schützen.

Aber als ihr zuerteilten die Götter, überwältigt zu werden:

Da führte sie den Sängersmann nach einer entlegenen Insel

Und überließ ihn den Raubvögeln zu Beute und Fang:

Sie, die Wollende, führte er, der Wollende, seinem Hause zu.

Viele Schenkel zündete sie an auf den heiligen Altären der Götter,

Viele Weihgeschenke hängte sie auf, Gewebe und Gold,

Da sie die verwegene Tat vollbracht hatte, die sie nie in ihrem Herzen erstrebt hatte."

"Anfangs wies sie die schmähliche Sache von sich,

Die gottverbundene Klytämnestra: denn sie war recht veranlagt,

Und neben ihr stand ein Sängersmann, dem immer wieder ans Herz legte

Der nach Troja abfahrende Atride, sein Weib zu schützen.

Aber als ihr zuerteilten die Götter, überwältigt zu werden:

Da führte sie den Sängersmann nach einer entlegenen Insel

Und überließ ihn den Raubvögeln zu Beute und Fang:

Sie, die Wollende, führte er, der Wollende, seinem Hause zu.

Viele Schenkel zündete sie an auf den heiligen Altären der Götter,

Viele Weihgeschenke hängte sie auf, Gewebe und Gold,

Da sie die verwegene Tat vollbracht hatte, die sie nie in ihrem Herzen erstrebt hatte."

                                                                     * * *

     "Sie, die Wollende, führte er, der Wollende, seinem Hause zu." (τὴν δ' ἐθέλων ἐθέλουσαν ἀνήγαγε ὅνδε δόμονδε). Hier liegt der Kern der Sache. Nie hätte sie ihrer Veranlagung nach der verwegenen Tat erstrebt; dennoch wird sie wollend wie er. Warum wird sie wollend? Weil ihr Schicksal Untergang ist. Wann wird sie wollend? Nach dem sie den alten Sänger von sich geschickt hatte, der sie hätte bewahren sollen. Der Sänger war in alten Zeiten derjenige, durch; den die Götter ihre Stimme laut werden ließen, der Sänger wusste um das Göttliche. Helena wurde in der neuen weltgeschichtlichen Epoche, die einen Fortschritt Luzifers bedeutete, durch die Erbschaft Ägyptens, die alte göttliche Verbundenheit, die wohlgerüstete Kämpferin. Klytämnestra mußte in den neuen Verhältnissen untergehen, indem sie das göttliche Band zerriss. Opfer- und Weihgeschenke konnten, die von dannen geschickte innere Götterstimme nicht er setzen. Helena konnte ihrem Gatten die Unsterblichkeit, Klytämnestra ihrem Gatten nur ein Grabmal in Ägypten bereiten.

     So sieht man, wenn man Homer als Dichter liest — und wie sollte man einen Dichter anders lesen —, dass auch jene Sage, die wir selbst noch bei den späteren Römern finden, durchsichtig wird, die von den zwei Leda-Eiern in der Weise spricht, dass das eine ein unsterbliches gewesen sei, aus dem hervorgingen Pollux und Helena, das andere ein sterbliches, aus dem Kastor und Klytämnestra ihren Ursprung hatten.

     Und unwillkürlich taucht bei dem Wortlaut der homerischen Stelle über den Sängersmann, den ἀοιδὸς ἀνήρ, der entfernt wurde, in uns eine Erinnerung auf. Als einst Rudolf Steiner einen Zyklus von Vorträgen über das Markus-Evangelium hielt, sprach er (Basel, 23. September 1912) über den "Jüngling", von dem im 14. Kapitel, Vers 51 und 52, erzählt wird:

     "Und ein Jüngling war in seinem Gefolge, der ein feines Leinengewand auf dem bloßen Leib trug; und sie greifen ihn. Er aber ließ das Leinengewand fahren und floh nackt." Von diesem Jüngling sprach Dr. Steiner als von dem "neuen kosmischen Impuls", der dem Menschensohn entschlüpft, infolge des Unverständnisses der Menschen, der Jünger selbst, die ihn hätten verstehen sollen, und der nur noch einen losen Zusammenhang mit ihm behält. Νεανίσκος steht da sogar im Griechischen, das Deminutivum von Jüngling. "Es ruht viel in diesem 51. und 52. Vers", sprach Dr. Steiner. "Er bewahrt nichts, der neue Impuls, von dem, was die alten Zeiten um den Menschen haben schlingen können. Er ist der ganz nackte, neue, kosmische Impuls der Erdenevolution."

     Der göttliche Sängersmann, der ἀοιδὸς ἀνήρ, war derjenige, der durch seine Nähe in alten Zeiten den Menschen bei seinem Herabstieg schützen und halten konnte. Als die Menschheit an ihrem tiefsten Punkt des Herabsteigens angekommen war, war es ihr nicht mehr möglich, den göttlichen Sänger zu hören: das, was die alten Zeiten um den Menschen haben schlingen können, war allmählich zum Schweigen gekommen. Ein νεανίσκος, ein ganz junger, nackter, neuer Jüngling nahm aus dem Kosmos heraus die neue Rolle des Erretters auf sich. —

     Man höre die oben erwähnten Zusammenhänge auch aus der Komposition des Homerischen Epos heraus. Als Nestor die auf Untergang hinzielende Tat Klytämnestras erzählt hat, lässt er darauf folgen (Odyssea III, 276 flgg.), dass gleichzeitig Menelaos, von Troia kommend, vergebliche Mühe macht, auf griechischem Boden zu landen: bei dem Versuch an einer Landspitze von Attika tötet Apollo den Steuermann des Menelaos, bei einem zweiten Versuch an einem Vorgebirge des Peloponnes zerstreut Zeus durch einen gewaltigen Sturm die Schiffe, Menelaos wird mit fünf anderen nach Ägypten verschlagen. Dann folgt wiederum: "Inzwischen verübte Aigisthos im Vaterland jene zum Verderben führenden Taten." Nachdem er dann die rächende Tat des Orestes erzählt hat, schließt er:

                   "Nachdem er ihn (Aigisthos) getötet, richtete er dem Volke ein Leichenmahl,

                    Der dem Styx verwandten Mutter und des feigen Aigisthos gedenkend.

                    Am gleichen Tag kam ihm zurück Menelaos mit der mächtigen Stimme,

                    Mit sich führend viele Schätze, so viel Lasten die Schiffe nur tragen konnten."

     Schätze, κτήματα (eigentlich Erworbenes), hatte Menelaos während jener schmerzlichen Vorgänge in seines Bruders Hause in Ägypten gesammelt und führte sie Griechenland zu: die göttliche Erbschaft Ägyptens. Als dann Nestor sofort im nächsten Vers Telemachos persönlich anredet und ihm sagt, er solle nicht so lange von Haus fortbleiben, damit nicht die übermütigen Freier seiner Mutter Penelope die κτήματα dort gänzlich verteilen und verzehren, verstehen wir seit unserer Gymnasialzeit zum ersten Male, warum die ganze damalige Welt, die Götter mit einbegriffen, immer wieder und wiederum tatsächlich Himmel und Erde bewegen, um das Verprassen der Güter des Odysseus. Telemachos, das in der alten Sittlichkeit gewonnene Kind, hat das Vermögen durch seine Anwesenheit die κτήματα des Odysseus und der Penelope zu schützen. In dem Streit, der dort in Ithaka gestritten wurde, kämpfte (μάχεσθαι machesthai) Telemachos aus der Ferne (τῆλε têle) mit durch sein einfaches Dasein.

     So wenigstens das Bild, das exoterisch dem Volke gegeben wurde. Auf das heilig-tief Esoterische, wofür dies Bild als reelles Symbol auf der Erde dargelebt wurde, kommen wir sofort noch zu sprechen.

     Der neue Impuls, den der Christus brachte, bewahrte also nichts von dem, "was die alten Zeiten um den Menschen haben schlingen können". Zu Christi Zeiten war es so, dass die alten Götter die schützenden Hände von den Menschen abgezogen hatten. Man hatte auf ganz neue Art sich gegen die widerstrebenden Mächte zu schützen. Der Christus ging dann zum Schutz der Menschen durch das Mysterium von Golgatha: zwei Jahrtausende lang bedurfte es nur eines Glaubens an das Erlösungsleben Christi, um den Widersachern entgegenzuarbeiten.

     In unseren Zeiten ist wiederum ein neues Stadium in der Menschheitsgeschichte eingetreten. Ein bloßes Glauben an den Christus wurde kraftlos, wie einstmals der Glaube an die alten Götter, die sich zurückgezogen hatten. In unseren Zeiten braucht es zur Bekämpfung Luzifers und seines Gegenpols Ahriman ein Erkennen und Durchschauen dieser Mächte und ein Verstehen, Ergreifen und Erleben des Golgatha-Mysteriums. In unseren Zeiten muss die Verbindung mit Christus und seinem Mysterium gesucht werden. Dort aber, wo das Mysterium von Golgatha gesucht wird, ist denn auch Luzifer oder Ahriman sofort auf dem Kampfplatz zugegen:

     Wir wissen, in den Werken Rudolf Steiners ist nicht die geringste Äußerung abstrakt, d. h. von dem Objekt gelöst. Auch in der Namengebung nicht. Als im ersten Bild seiner "Pforte der Einweihung" uns Johannes Thomasius gezeigt ist als so weit in seiner Entwicklung vorgeschritten, dass er vor der Pforte der geistigen Welt steht, tritt ihm am Schlusse dieses Bildes Luzifer entgegen als — Helena. Eine Helena steht da mit dem Helenakraut, das alles umzuzaubern vermag, indem es über das Wesen, das durch die Erscheinungen sprechen möchte, einen Wahn haucht. So wie sie einst bei dem Mahle der Männer die Schmerzen um Troja von Menelaos, Telemachos und dem Nestoriden löste, so steht sie jetzt bereit, Thomasius das Leiden abzunehmen, das er beim Eintritt in die geistige Welt durchmachen muss. Thomasius aber erkennt die "Helena"; in den Schlussworten des Bildes heißt es:

                        "Dass selbst der höchsten Weisheit Worte

                         In deinem Wesen Seelenwahn nur sind,

                         Das zeigt ein einziger Augenblick."

(Fortsetzung folgt.)


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